CD der Woche vom 21.10.2013 bis zum 27.10.2013

Shantel - Anarchy and Romance

Essay Recordings (2013)
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von: Clemens Grün

"Anarchy and Romance" ist das dritte Studioalbum des 1968 in Frankfurt geborenen Stefan Hantel, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Shantel, seit er 2003 praktisch ein neues musikalisches Genre erfand. In den Neunzigern war Shantel der vielleicht gefragteste deutsche Downbeat-Act, ein Meister im Verbinden exotischer Klänge mit Electronica. Die beiden "Bucovina Club"-Sampler ebneten den Weg für eine musikalische EU-Osterweiterung und machten den Balkan Pop in Gestalt unzähliger Live-Acts, Partyreihen, Soundtracks und schliesslich als Inspirationsquelle für den musikalischen und medialen Mainstream weltweit populär. Sein bisher erfolgreichstes Album "Disko Partizani" aus dem Jahr 2007 war in vielen europäischen Charts in den Top 20 vertreten, wochenlang auf Platz 1 der türkischen Charts und erreichte Platinstatus in ganz Südosteuropa. Mit "Anarchy & Romanze" erleben wir nun die nächste Metamorphose dieses einflussreichen Künstlers und Produzenten.

"Back to the Roots" - so könnte man das Motto von "Anarchy & Romance" beschreiben, Shantels erstem Album, das den Musiker ins Zentrum stellt. Wo früher Bässe und Beats mit dem klarem Ziel konstruiert waren, die Dancefloors zu erreichen, wagt er es diesmal, die Uhr auf Null zurückzudrehen. Nicht mehr die Elektronik steht hier im Vordergrund, sondern ein organischer, dreckiger Garagen-Sound, rauer, krachiger Rock 'n' Roll in bester Elvis-Tradition. Shantel schreibt und singt alle Stücke selbst, spielt Gitarre und viele andere Instrumente, benutzt fast keine Samples. Was manch einer für eine Abkehr von dem Shantel, wie wir ihn kennen, halten mag, ist für ihn eine "logische Weiterentwicklung": Peitschende Gitarren, eine alte Fender-Rhodes-"Schweineorgel" aus den 70ern, ein Disko-Beat wird mit einer Flamenco-Gitarre befeuert, minimalistische Shuffle-Beats und Rockabilly mischen sich mit orientalischen Klängen und Reminiszenzen an den Smyrna-Sound, dem Geburtsort des bluesigen Rembetiko.

Eine Evolution, die einerseits Shantels persönlicher, nicht zuletzt den epochalen Umwälzungen auf dem Tonträgermarkt geschuldeten Entwicklung vom namhaften DJ und Produzenten zum gefragten Live-Act Rechnung trägt, anderseits aber auch den veränderten politischen Rahmenbedingungen. Spielerisch-ironische Party-Hits wie "Bucovina", "Planet Paprika" oder "Disko Partizani" hätten, so Shantel im Interview mit multicult.fm, die Pionier- und Aufbruchstimmung der Jahrtausendwende widergespiegelt. Heute jedoch wolle er angesichts einer antisemitischen Regierung in Ungarn, eines "durch und durch korrupten Systems in Rumänien", eines "mafiösen Clans", der Bulgarien ausbeute, oder der Zustimmungswerte für Faschisten in Griechenland, "viel mehr Dinge herausschreien, die ihm nicht" gefielen, und deswegen auch musikalisch "rockiger und rebellischer" klingen.

Gäste sind diesmal Justin Adams, Gitarrist von Led-Zeppelin-Legende Robert Plant, Cherilyn, Mac Neil und Emma Greenfield von der Neo-Folk-Band "Dear Reader", Streicher der Jungen Philharmonie Frankfurt am Main und der renommierte Bassist Ken Taylor, der seit den späten 60er Jahren mit so unterschiedlichen Künstlern wie Bruce Springsteen, Jimmy Cliff, Rio Reiser, Peter Maffay oder Xavier Naidoo gearbeitet hat. Die passenden Studio-Vibrationen holte sich Shantel in den altgedienten Berliner Hansa-Studios, wo vor ihm schon David Bowie, Iggy Pop, die Einstürzenden Neubauten, Falco oder Nick Cave produzierten.