CD der Woche vom 16.04.2012 bis zum 29.04.2012

Roberto Fonseca - Yo

Jazz Village (Harmonia Mundi) (2012)
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von: Katrin Wilke

Alles andere als eine Nabelschau betreibt der visionäre, virtuose Pianist Roberto Fonseca aus Havanna da auf seinem neuen Album. Auch wenn dessen Titel "Yo" (ich) und der nackte Oberkörper des ernst drein blickenden Kubaners auf dem Cover vielleicht in eine solche, egozentrische Richtung denken lassen. Die Hände sind ausgesteckt und zeigen: Das ist, was ich bin, was ich geben kann und möchte - ganz unverhüllt und bloß. Und der einstige Buena-Vista-Tastenmann, seinerzeit als Nachfolger von Rubén González der mit Abstand jüngste, nicht minder erfahrungsreiche im Bunde dieses erfolgreichen Ensembles, hat musikalisch und auch spirituell erneut viel zu geben. Auch nicht im Alleingang, sondern in kreativer Gesellschaft etlicher Seelenverwandter - neben Landsleuten, vor allem Musikern afrikanischer und arabischer Couleur - ist ein überaus facettenreiches, ja, komplexes Werk entstanden. Der mit afrokubanischen Traditionen, Jazz, Rock und HipHop vertraute Fonseca, der kürzlich seinen 37. Geburtstag beging (nicht zuhause in Havanna, sondern mitten auf seiner Europa-Tour...), war in seinem Tun - als Instrumentalist wie auch als Produzent - von jeher musikalisch weltgewandt. Allerdings schöpft Fonseca auf "Yo" deutlicher denn je aus den vielen, beim weltweiten Reisen gesammelten Erfahrungen, z.B. auch aus der Zusammenarbeit mit dem renommierten Londoner Radio-DJ und Musikproduzenten Gilles Peterson bei dessen "Havana-Cultura"-Projekt. Der hat nun auch bei den Aufnahmen von Fonseca mitgewirkt, genauso wie die Sängerin Fatoumata Diawara und der wie sie aus Mali stammende Ngoni-Spieler und Perkussionist Baba Sissoko, der Kora-Spieler Sekou Kouyate aus Guinea, der franco-algerische Raï-Sänger Faudel oder der Orchestra-Baobab-Sänger Assane Mboup aus dem Senegal. Die 14 Stücke, zwei Remixe inklusive, kreieren und zelebrieren eine eigene, modern wie archaisch klingende Allianz, in der Mutter Afrika, das afrokubanische Kuba sowie weitere afroamerikanische Spuren ganz neu und musikalisch unerhört zusammenkommen. Die Zuckerinsel ist bekanntermaßen reich an großartigen Musikern, doch sind darunter (leider) nicht allzu viele künstlerisch so verwegene, experimentierfreudige Persönlichkeiten, die - trotz des Erfolgs - noch dazu menschlich so natürlich und bescheiden geblieben sind wie Roberto Fonseca. Der ist mit dem Repertoire seines neuen Albums derzeit in Europa unterwegs und auch für ein paar Konzerte in Deutschland, u.a. am 29. April im unweit von Berlin gelegenen Neuhardenberg.