CD der Woche vom 28.05.2012 bis zum 03.06.2012

Dona Rosa - Sou Luz

Jaro (2012)
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von: Katrin Wilke

Dass uns Musik aus allen nur denkbaren Ecken, Stilrichtungen und Traditionen der Welt mit immer größerer Selbstverständlichkeit zu Ohren kommt, ist mitunter abenteuerlichen, teils märchenhaften "Entdeckergeschichten" zu verdanken. Dona Rosa verdiente sich Jahre lang mit ihren eher elegischen, allein auf der Triangel begleiteten Gesängen in Lissabons Fußgängerzone ihr Geld. Eines Tages befand sich unter den vorbeikommenden Touristen u.a. Passanten André Heller. Der bekannte Wiener Allround-Künstler (u.v.a. Schauspieler, Sänger und Kulturveranstalter) engagierte damals, 1999, die blinde Portugiesin vom Fleck weg für eine Fernsehproduktion namens "Stimmen Gottes. Spirituelle Musik aus aller Welt". Heute, vier Alben später (alle beim Bremer Label Jaro erschienen), klingt die Stimme der kleinen korpulenten Mittfünfzigerin nicht minder eigen und seelenvoll, angenehm ungeschliffen und doch kunstfertig. Für die aus einer armen Lissaboner Familie stammende Sängerin war jene Zufallsbegegnung vor allem ein existenziell folgenreicher Glücksfall, der im Laufe der Zeit auch neue künstlerische Perspektiven eröffnete, wie in den zwölf Liedern des neuen Albums hörbar. Längst ist sie von einer Schar einfühlsamer Instrumentalisten umgeben, vorneweg den Brüdern Raul und José Abreu - langjähriger Gitarrist und Komponist der eine, wichtigster Liedtexter von Dona Rosas Repertoire der andere. Bisweilen möchte man meinen, die auf den Straßen entfachte und an die dortige Ungezwungenheit gewöhnte Sangeskunst von Dona Rosa ließe sich gar nicht in "gepflegte", der portugiesischen wie auch anderen südländischen Liedkulturen verbundene Instrumentierungen einbinden, "gefangen nehmen". Und doch gelingt dies in diesen neuen Liedern, die mal zurückgelehnt, mal heiter und für Dona Rosas Verhältnisse geradezu flott daherkommen. Mit viel Poesie wird der thematische rote Faden dieses Albums gestrickt: Das innere, andere Licht, das wohl eher den Nichtsehenden vorenthalten bleibt, das Sehen können mit geschlossenen Augen. Nach einem von Dona Rosa neuarrangierten Traditional, in alter Manier intoniert mit nichts als Triangelbegleitung, nimmt uns die Sängerin im letzten Stück des Albums für fünf Minuten mit in ihr Leben. Spricht, musikalisch umrahmt, mit gelassen-klarer Stimme vom Erblinden als Kind - ausgerechnet beim "Blinde Kuh"-Spielen, wie die Mutter meinte - und von ihren späteren Alltagserfahrungen und Wahrnehmungen als Blinde. Ein kleiner, feiner Luxus für die Künstlerin wie für ihr Publikum, dass dieses Konzeptalbum seine Live-"Taufe" ausgerechnet beim zweiten, vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband organisierten Louis Braille Festival der Begegnung am 2. Juni im Berliner Tempodrom erleben wird.