Der Ball rollt wieder – aber um welchen Preis?

Fußballer*innen vor Tor mit Coronavirus als Ball

Foto.s von CDC + Jeffrey F Lin auf Unsplash

Am 16. Mai starten die erste und zweite Fußball Bundesliga wieder - auch mit dem brisanten Revierderby Borussia Dortmund gegen Schalke 04 - natürlich als Geisterspiel. Aber die Sorge, dass dem Spiel ohne Publikum der letzte Kick fehlen wird, ist nur eine von sehr vielen.

War die Entscheidung der deutschen Politik und der DFL (Deutsche Fußball Liga) richtig? In unserer Projektredaktion haben wir das Pro und Contra für das Gemeinwohl abgewogen und mit Experten gesprochen.

Auch Eure Meinung interessiert uns: Was denkt Ihr über den Re-Start der beiden Fußball Bundesligen? Ist es klug, die Saison fortzusetzen? Oder sollte sie abgebrochen werden? Sendet uns Eure Antwort als Text – oder als Audio-Nachricht an: info@multicult.fm!

PRO
Mit dem Fußball wird ein Stück Normalität in die deutschen Haushalte zurückkommen und so mancher Familie wird das gut tun. Auf die psychische Verfassung der meisten Fußballer wird die Fortsetzung der noch fehlenden Spieltage ebenfalls eine positive Auswirkung haben!
Und auch, wenn das ganze Procedere hochkomplex und sehr ambitioniert ist - können wir uns damit trösten, dass beispielsweise auch die Lösung der Franzosen mit einer Annullierung der Saison nicht ganz so einfach ist, wie erhofft. (https://www.faz.net/aktuell/sport/fussball/frankreich-beendet-fussball-profiligen-wegen-corona-krise-16745935.html)
Die Weiterführung der Saison bringt auch den Erhalt von ca. 56 000 Arbeitsplätzen mit sich - letztendlich geht es dabei auch um kleine und mittelständische Unternehmen, die - wie alle anderen auch - wieder ihr Produkt anbieten wollen.

CONTRA
Allein die Ermittlung der reellen Zahlen für die notwendigen Tests für die Mannschaften und ihr Umfeld ist eine Herausforderung. Die Kosten dafür - wer auch immer sie tragen wird - dürften schwindelerregend sein: alle Spieler, Betreuer und freiwillig auch deren Familien, müssen zwei Mal pro Woche getestet werden - vor den Spielen bekommt das Team sogar einen Nasen- und Mundabstrich.
Vorprogrammiert ist dadurch auch eine moralisch-ethisch-politische Diskussion über die Gefahr, systemrelevanten Berufsgruppen die Tests wegzunehmen – in Krankenhäuser sind sie nach wie vor Mangelware.
Die Frage, ob menschliches Verhalten nicht den enormen Aufwand zunichtemachen wird, hat spätestens das FB Video des Hertha BSC Spielers Salomon Kalou aufgeworfen: es zeigt sehr genau, wie man es nicht machen sollte, denn er hat gleich mehrere Hygienevorschriften ignoriert und sowohl Mitspieler als auch Physiotherapeuten mit Handschlag begrüßt.
Dabei sollte es im eigenen Interesse der Spieler sein, die Regeln einzuhalten, sagt der Virologe Uwe Gerd Liebert in einem Interview auf sportschau.de und verweist darauf, wie sich Spieler durch unachtsamen Umgang gegenseitig gefährden können – vor allem, wenn sie noch keine Symptome haben und dennoch ansteckend sind.
Gerade vor dem Hintergrund, dass Infektionen unter Umständen das Ende der Karriere eines Sportlers bedeuten können, wie es Professor Wilhem Bloch vom Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin der Deutschen Sporthochschule Köln, ebenfalls auf sportschau.de anschaulich beschreibt. Im Krankheitsverlauf können Lungenveränderungen entstehen, sagt er und es sei nicht geklärt, ob diese nach Monaten wieder verschwinden oder dauerhaft bleiben. Für einen Hochleistungssportler sei es natürlich eine relativ kritische Sache ob er / sie ein paar Prozent weniger Lungenkapazität habe.
Also besteht ein klares ernst zu nehmendes Risiko auch für die Sportler.
Und dazu kommt noch das Risiko für die Fans. Es ist relativ naheliegend, dass einige sich die Spiele zusammen im Wohnzimmer anschauen werden und ebenso wahrscheinlich, dass es zu Ansammlungen vor den Stadien kommen wird. Bei dem einzigen bisherigen Geisterspiel - Mönchengladbach gegen Köln - hatte es solche Ansammlungen von Fans vor dem Stadion gegeben.
Nicht zuletzt zeigt uns das Beispiel Dresden, wo die örtlichen Gesundheitsbehörden wegen zwei infizierten Spielern das gesamte Team für 14 Tage in häusliche Quarantäne versetzt haben, wie zerbrechlich das Konstrukt der Wiederaufnahme des Ligabetriebes tatsächlich ist.

 

Expertenmeinungen zu dem Thema - im Interview mit multicult.fm

Michael Rieß, Geschäftsführer Hindernis Laufwettbewerb Runletics

multicult.fm: Herr Rieß, finden Sie es klug, die Saison fortzusetzen und welches Signal denken Sie gibt die Fußballnation Deutschland damit an den Rest der Welt?
Aus geschäftlicher und internationalen Sicht ist es schon klug, die Saison fortzusetzen. Die Bundesliga ist der erste Livesport und ich glaube, dass sich so neue Potenziale erschließen. Ob Deutschland oder der Fußball eine Vorbildrolle haben, wage ich zu bezweifeln! Deutschland zeigt, dass es die C-Krise scheinbar besser im Griff hat, aber ich glaube nicht, dass irgendein Akteur in der Bundesliga sich darüber Gedanken macht. Vielleicht nehmen wir die Herren einfach zu ernst! Wir geben Ihnen unser Geld und unsere Zeit, damit Sie uns unterhalten. Und ich glaube, mehr dürfen wir auch nicht von ihnen verlangen. Die Frage ist, ob uns das reine Spiel unterhält oder, ob es mehr braucht als 22 Spieler auf dem Feld. Mir persönlich ist es komplett egal und ich finde Kalou hat bewusst oder unbewusst gezeigt, dass man diese Herren vielleicht nicht mehr zu Wort kommen lassen sollte. Aber er passt zu diesem Verein :-).“

 

Sebastian Kaiser, Sportwissenschaftler von Fitnesskaiser.com

multicult.fm: Herr Kaiser, ist es aus Ihrer Sicht sinnvoll, die Saison schon am 16. Mai wieder zu starten?
„Hier müssen drei Faktoren unterschieden werden: volkswirtschaftlich, sportpsychologisch und medizinisch. Die ersten beiden Faktoren sind vor allem gesellschaftlich wichtig. Medizinisch sehe ich nach aktuellem Stand kein Problem und auch wenig Gefahr für die Sportler, wenn ausreichend getestet wird. Schwierig ist zu entscheiden, wie mit Spielern umgegangen wird, die aus Angst vor Erkrankung nicht spielen wollen.“

multicult.fm: Reicht es für Leistungssportler*innen aus, wenn sie eine Woche Zeit haben, um sich auf den Wettbewerb vorzubereiten?
„Nein. Allerdings haben die Spieler sicherlich Pläne bekommen, um Kraft, Ausdauer und Kondition zu trainieren. Körperlich sollten also kaum Defizite da sein. Allerdings kann es sein, dass das Training von Taktik und Spielintelligenz zu kurz kommt. Hier wird sich zeigen, ob und wie die Trainer das fehlende persönliche Arbeiten auffangen konnten.“

multicult.fm: Herr Kaiser, besteht Ihrer Meinung nach ein Risiko für die Spieler, langfristige Gesundheitsschäden nach einer eventuellen Ansteckung mit Corona davonzutragen?
„Ob es tatsächlich eine langfristige Schädigung der Atemwege, insbesondere für Leistungssportler, kommen kann, ist noch nicht ausreichend geklärt. Aus sportmedizinischer Sicht ist zu unterscheiden, ob der an Corona erkrankte Patient auch eine Lungenentzündung entwickelt hat. Diese könnte langfristige Schädigungen hervorrufen.“

Redaktion und Interviewführung: Niels Bartels