CD der Woche vom 29.07.2013 bis zum 04.08.2013

Fernando Miceli & Band - Arrabal y Exilio

Galileo Music Communication (2013)
Fernando Miceli & Band - Arrabal y Exilio Diese CD auf Amazon kaufen
von: Clemens Grün

Es ist rund zehn Jahre her, dass findige Multiplikatoren der Stadtkultur den Begriff von Berlin als der "Tango-Hauptstadt Europas" prägten. Seitdem ist viel Wasser durch die Spree geflossen, das Phänomen etwas aus dem Fokus des medialen Hypes gerückt. Doch unverändert frönt eine treue Gemeinde von Tänzerinnen und Tänzern ihrer Leidenschaft, auf Dutzenden von Milongas, die jede Woche zwischen Pankow und Zehlendorf stattfinden. Dabei ist der Tango immer so etwas wie der große Bruder der fröhlich-verspielten Modetänze Salsa und Swing geblieben, und zwar ungeachtet der kaum geringeren sportlichen Herausforderung, die er für das Tanzpaar darstellt. Der Tango ist leiser, intimer, gefühlvoller, tiefgründiger und damit das perfekte Medium für die verborgene Erotik und feine Ironie, wie sie etwa der Schlager im Berlin der 20er Jahre zelebrierte.

Fernando Micelis zweites Soloalbum "Arrabal y Exilio" reflektiert daher nicht nur den persönlichen Werdegang des Tangosängers als Wanderer zwischen den Welten über zwei Jahrzehnte, sondern ist viel tiefer mit der verborgenen Seele dieser Stadt verbunden, als es der Künstler zu Beginn seines Weges geahnt haben mag. Arrabal ist im Tangodialekt das Wort für Heimatstadt. Die elf Songs von "Arrabal y Exilio", ausschliesslich Eigenkompositionen, verflechten den Herzschlag zweier Metropolen, Buenos Aires und Berlin, und beschreiben die ganz persönliche Suche des im Exil lebenden Einwanderkindes Miceli nach der Heimat in der Fremde.

Als Arrangeur hat sich Miceli den Bandeonisten Peter Reil ins Boot geholt, einen der profiliertesten Tangomusiker Europas, bekannt u.a. durch seine Zusammenarbeit mit Carel Kraayenhof & Sexteto Canyengue, Sabor a Tango und dem argentinischen Orchester El Arranque. Dieser hat mit "B.A.-Memories" auch das einzige Instrumentalstück auf der CD komponiert. Der Pianist Pablo Portela, die Bassistin Anna Maria Huhn und die Violonistin Ulrike Dinter komplettieren das musikalische Quintett. Hinzu kommen als Gastkünstler der wie Portela aus Uruguay stammende Latin-Jazz Perkussionist Diego Piñera und als Duettpartnerin von Miceli die Opernsängerin Feline Lang.

Mit seiner klaren, samtweichen Baritonstimme schlägt Miceli eine Brücke zwischen den Klangwelten des alten und modernen Tangos in Buenos Aires, Montevideo und Berlin. Traditioneller Tango, Walzer, der Volkstanz Zamba und die "Milonga Campera", eine ländliche Urform des Tangos, wechseln sich ab mit poetischen Balladen, dem rockigen "Esther", Filmmusik und "Parallele(n) Welten", der melancholischen Variante eines deutsches Chansons. Es ist dies eine temperamentvolle und zugleich nostalgische wie zeitlose Musik, die träumerisch in den Rausch der urbanen Nacht entführt und dabei viel tanzbaren Stoff bietet für Milongas in Kreuzberg und San Telmo.