CD der Woche vom 14.12.2015 bis zum 20.12.2015

Gülbahar Kültür - La Fleur Orientale

Lola`s World Records (2015)
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von: Clemens Grün & Meret Reh

Der Name ist Programm – und dabei nicht einmal erfunden, sondern tatsächlich von ihren Eltern geerbt. Am Schwarzen Meer geboren und in Istanbul aufgewachsen, immigrierte Gülbahar Kültür mit ihrer Familie im Alter von 14 Jahren nach Bremen. Zwar wuchs sie mit Musik aus aller Welt auf, zur DJane, Musikjournalistin, Party- und Labelmacherin wurde sie aber eher zufällig. Mitte der 90er Jahre tanzten die Türken zu türkischem Pop, die Latinos zu Latin Rock und das westlich geprägte Publikum zu anglophonem Mainstream. Gülbahars Clique brachte sie dazu, ihren Plattenschrank zu öffnen und die Bremer Clubszene – gemeinsam mit ihrer Schwester und ihrem Bruder - um eine alternative Partyreihe zu bereichern, die so kosmopolitisch war wie das Umfeld, in dem sie und ihre Freundinnen aufgewachsen waren: Globale Popmusik, die lokalen Tradionenen aus aller Welt huldigt, als authentischer Ausdruck multibler Identität. Die monatliche Tanznacht der Geschwister Kültür wurde vom Insidertipp zur Erfolgsgeschichte.

Inzwischen veröffentlicht Gülbahars Label „Lola`s World Records“ jährlich ein halbes Dutzend Compilations mit musikalischen Entdeckungen aus aller Welt. Auf ihren Samplern vereint Gülbahar Künstler, die Tradition und Moderne verbinden und musikalisch neue Wege beschreiten. Über alle Genre-Grenzen hinweg erweitert sie den musikalischen Horizont ihres Publikums. Wer an umfangreichen Anthologien etwa zum Tango, Bossa Nova, Electro Swing, zu türkischer, russischer oder persischer Musik interessiert ist, kommt an „Lola`s World Records“ nicht vorbei. Für ihre Arbeit, erzählt Gülbahar im Interview mit multicult.fm, seien Globalisierung und Digitalisierung Fluch und Segen zugleich: Einerseits sei es nicht mehr notwendig zu reisen, andererseits erschwere die grenzenlose Verfügbarkeit von Musik die Auswahl. Das Produzieren sei im digitalen Zeitalter einfacher geworden. Heute könne jeder „pro Tag drei Songs produzieren und ins Netz stellen“. Musik, die sie sofort begeistere und die für eine Veröffentlichung auf Gülbahars Label geeignet wäre, gebe es gleichwohl nicht mehr als früher – man müsse aber länger danach suchen.

Ihr neuester Sampler „La Fleur Orientale“ ist gewissermassen eine Rückkehr zu ihren Wurzeln als Labelmacherin, denn mit der Reihe „Oriental Garden“ hatte sie 2002 begonnen, musikalische Perlen aus dem Nahen und Fernen Osten zusammenzutragen, immer am Puls der Zeit und an der Schnittstelle zwischen Orient und Okzident. Der „Oriental Garden“ wurde zu einer erfolgreichen Reihe mit jährlichen Neuerscheinungen über einen Zeitraum von zehn Jahren. Auch „La Fleur Orientale“ widmet sich nicht einem bestimmten Land oder musikalischen Genre, sondern spannt mit 16 Titeln einen musikalischen Bogen vom Nahen Osten zu Künstlern aus europäischen Ländern, die sich von orientalischen Rhythmen und Melodien inspirieren lassen. Unter letzteren sind etwa die griechische Reggae-Band Locomondo mit dem Sänger Pantelis Thalassinos oder die serbische Popsängerin Milica Pavlovic.

Als einziger Künstler mit zwei Titeln vertreten ist der in seiner marokkanischen Heimat sehr populäre Sänger und Produzent Marsli. Viele seiner Stücke sind sehr tanzbar und bestens geeignet für eine Global Beats Party. Der Song „El Baraka“ verbindet elektronische Tanzmusik mit Wechselgesang und einem für den gesamten Nahen Osten typischen Instrument: der traditionellen Trichteroboe Sornay. Auch bei der Band „Li Dinê“ aus Norwegen treffen traditionelle Instrumente auf moderne Club Sounds. Mit englischem und kurdischem Gesang schlagen die Künstler eine Brücke zwischen westlicher und orientalischer Kultur. Einen ähnlichen Mix bieten das russische Kollektiv Tigran, DJ Nil & Alfida und das iranische Duo Promid mit dem Sänger Omid Mahramzadeh, eine von drei iranischen Produktionen neben Ali Behmarams Elektropop-Track „Donya“ und der sphärisch-verträumten Lounge-Nummer „The Lom“ der Sängerin Sogand. Den letzten Song des Albums hat Gülbahar, gemeinsam mit ihrem Kollegen Alexander Jung, sogar selbst produziert. „Raks Night“ heißt dieser sehr perkussive Titel, mit dem sie sich und ihre Fans auch ein wenig nostalgisch an alte Zeiten erinnert. Denn unter eben diesem arabischen Namen – zu Deutsch: Tanznacht - veranstaltete sie vor fast 20 Jahren ihre erste monatliche Partyreihe in Bremen.

Zu den Highlights des Samplers gehört der sehr eingängige Orient-Pop-Song „Enta Maogod“ der in Australien lebenden libanesischen Sängerin Fadia Bazzi. Auch die Jazzsängerin Tania Saleh und die Rockband Jadal stammen aus dem kreativen Schmelztigel des Libanons. Mit einer Coverversion von Walter Donaldsons, insbesondere durch Nina Simones Version von 1958, legendären Jazzklassikers „My Baby Just Cares For Me“ sind der Musiker, Komponist und Produzent Jean Marie Riachi und die Sängerin Sevine vertreten. Die allseits bekannte Melodie erscheint hier im exotischen Gewand mit orientalischen Instrumenten. Das ist Weltmusik par excellence, und übrigens nicht der einzige Evergreen der westlichen Popkultur, den der umtriebige Jean Marie Riachi in seinem Studio in der Nähe von Beirut gecovert hat. Da bleibt noch viel Stoff für neue Compilations.