CD der Woche vom 23.11.2015 bis zum 29.11.2015

Joaquín La Habana - My Own Free Way

AHOI Tunes (2015)
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von: Meret Reh & Clemens Grün

Joaquín la Habana passt partout in keine Schublade. Der gebürtige Kubaner stellt sein Können seit vier Jahrzehnten als Sänger, Tänzer, Schauspieler und Travestiekünstler unter Beweis. Seine Kunst spiegelt ein umtriebiges Leben wider: In Kuba geboren, wandert Joaquín als Teenager in die USA aus. In Boston studiert er modernen Tanz und traditionelle Tänze von Indien bis Haiti, arbeitet in New York mit Pionieren der Multimedia-Performance. Er wirkt im Musical „Hair“ mit, spielt am Broadway und an der Seite von Paul Newman in dem Film „The Bronx“. Mittlerweile lebt Joaquin seit über 30 Jahren in Berlin.

Zu den besonderen Fähigkeiten des ausgebildeten Opernsängers gehört sein Talent als Stimmakrobat. Mühelos wechselt er die Tonlage vom rebellischen Bariton zum Sopran der Verführerin. Auf der Bühne zeigt sich Joaquín als versierter Entertainer: Er singt, tanzt und wechselt Geschlechterrollen. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Kostüme, die so facettenreich sind wie der Künstler selbst: Seien es Körperbemalungen afrikanischer Buschmänner, hölzerne Masken oder farbenfrohe Kreationen, die seiner eigenen Fantasie entspringen: Joaquín bringt die Welt in ihrer ganzen Vielfalt auf die Bühne.

Durch seine Kostüme schafft Joaquín einen Raum für geschlechtslose Körper, in dem sich alle Gegensätze aufheben. Er vereinigt Gegensätze und verbindet vermeintlich Unvereinbares, verwischt Grenzen und eröffnet dem Publikum neue Wege, die Welt zu betrachten und zu erfahren. „My Own Free Way“ ist ein Querschnitt durch Joaquins künstlerisches Schaffen über vier Jahrzehnte. Seine Performance verbindet Tradition und Avantgarde, traditionelle Rituale von Naturvölkern verschmelzen mit zeitgenössischer Musik verschiedenster Genres: Musical, Kabarett, Jazz, Funk, Rock, elektronischer und lateinamerikanischer Musik. Romantische Balladen treffen auf Partysongs, Oper fusioniert mit Disko („Carmen-Torero“) - Joaquins künstlerische Vita ist von der Lust geprägt, das Publikum immer wieder aufs Neue zu überraschen.

Eine tragende Rolle spielt dabei Joaquíns afrokubanische Identität. In „Un Cubano“ erzählt er von seinem Leben als Immigrant, der seinen Wurzeln treu bleibt. Gleichzeitig thematisiert der Song ein trauriges Kapitel der Menschheit: den Sklavenhandel. Nicht zufällig widmet Joaquín den ersten Song seines Albums dem afrocubanischen Trickstergott Eleguá, dem Türenöffner ins Himmelreich der afrocubanischen Santería-Religion, und den letzten Song „Mama Africa“, die sowohl für seine Wurzeln als Urenkel afrikanischer Sklaven steht, als auch für seine sprirituelle Verbundenheit mit Mutter Erde. Eine Huldigung Afrikas als Wiege der Menschheit und Welterbe.

Folgerichtig ist in diesem Zusammenhang auch das Plädoyer für einen respektvolleren Umgang mit Mutter Erde („Propongo“). Sein Gegenmodell zum Kapitalisten, der Mensch und Umwelt aus eigennützigen Motiven ausbeutet, ist das eines transkulturellen Priesters, der die Schönheit des Lebens mit Demut und Liebe auf immer neue Weise zelebriert. Wobei auch ein nostalgischer Rückblick mitzuschwingen scheint: auf das romantische, ökobewegte West-Berlin, das Joaquín Anfang der 80er Jahre vorfand, jener ständig im Wandel begriffenen Stadt, in der Joaquín inzwischen die Hälfte seines Lebens verbracht hat, und der zweite große Fixpunkt seiner musikalischen Autobiographie.

So sind auch die Songs „Between Worlds“ und „Androgynie“ eine Hommage an Joaquíns Wahlheimat. In „Androgynie“ thematisiert der Verwandlungskünstler das Spiel mit den Geschlechterrollen, die Überwindung von Grenzen als Urquelle der Kreativität. Musikalisch spiegeln beide Songs Berlins Status als Hauptstadt der elektronischen Musik wider und ein Nachtleben, das so individuell, feierwütig und facettenreich ist wie der Künstler selbst. Der Song „Bubi lass uns Freunde sein“, 1924 geschrieben und später von Nationalsozialisten verboten, bezieht sich als einer der ersten offensichtlich homosexuellen Kabarettsongs wiederum auf die wilde und freizügige Berliner Szene während der Weimarer Republik.

Exemplarisch steht dieser Song für den roten Faden in Joaquíns musikalischer Wundertüte - die immerwährende Suche nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit und die selbstverständlichste Voraussetzung für die Verwirklichung dieser Ideale der Französischen Revolution: den konsequenten Respekt gegenüber allen Lebensentwürfen.