KULTour | 23.03.2018

KulTour nennen wir diese Sendung – bewusst geschrieben mit ou, als Tour. Entgegen dem deutschen Sprachgebrauch ist ja Kultur nicht etwas, das man hat – Kultur ist etwas, das man tut. Und wie man es tut.

Das wissen Ethnologen, wenn sie Kulturen anderer Völker untersuchen - ein Muster und Modell für multikulturelle Medien, versteht sich. Mit diesem (im Wortsinn) Sendungsbewusstsein nähern wir uns auch der eigenen Kultur, die, ebenfalls im Gegensatz zum allgemeinen Glauben, durchaus keine einheitliche Volksgemeinschaft ist – nicht nur, weil sie ethnisch vielstimmig ist, sondern weil unsere Gesellschaft in sich selbst zerfällt in ganz verschiedene Klassen und Lebensweisen, Denk- und Verhaltensformen, Werte und Ideale: Viele Kulturen eben – was wir gern übersehen, weil wir uns meist mit unseresgleichen umgeben. Die Bankiersgattin oder der Professor, der mit dem Automechaniker redet, spürt, wie wenig er mit diesem teilt, gemeinsam hat. Von wegen eine Volksgemeinschaft!

Deshalb unternehmen wir immer wieder Kultur-Touren an immer wieder neue Orte, die Grenzen jeder Art auflösen oder überspringen – Grenzen und Mauern sind ja geradezu Trendthemen heute, weil Grenzen eben auch Identitäten definieren sollen oder wollen. Heute haben wir zwei solcher Mauerspringer eingeladen, genauer Mauerspringerinnen.

Unser erster Gast (oder müssen wir jetzt uns jetzt auch anpassen an die ästhetische Brutalität und fröhliche Demenz gewisser Fachhochschulstudenten, die wie bei Orwells 1984 per Sprachdiktatur Denkformen erzwingen wollen?) - müssen wir also sagen: unsere erste Gästin ist Octavia Wolle, die bekannte und streitbare Autorin, deren jüngstes Buch das Panorama eines, nämlich ihres Kiezes ist, also ihres Wohnviertels, das sich unter ihrem scharfen und zugleich einfühlsamen Blick wie ein Schatzkästlein öffnet. Was uns nahe und vertraut ist, sehen wir oft nicht mehr – absurd, wie es klingt: Nähe verstellt oft den Blick – in menschlichen Beziehungen oft eine traurige Alltagswahrheit. Octavia Wolle lebt in einem nicht erst in jüngster Zeit beneidenswerten Kiez zwischen den Hackeschen Höfen und der Museumsinsel, den sie im Stile einer Doku-Fiction Revue passieren lässt.

Unser nächster Gast – oder 'Gästin' – unserer heutigen KulTour (im Wortsinn einer Tour durch das Milieu, die Szene, die man mit diesem Wort Kultur ganz wie von selbst verbindet) ist Barbara Hoppe, Gründerin und Chefin des Internet-Portals Feuilletonscout. Feuilleton, so heißen im Deutschen die Kulturseiten der Zeitungen, und neuerdings auch die entsprechenden Abteilungen der audiovisuellen Medien. Niemand kann heute noch den Überblick über den sogenannten Kulturdiskurs behalten – wir alle brauchen eine Art Vorsortierer. Aber wem können wir vertrauen – in Konkurrenzgesellschaften ist beinahe jede Äußerung eine Art Werbung im Wettbewerb um Aufmerksamkeit. Eine mutige Frau hat sich der Herausforderung gestellt – und ihre Biographie hilft ihr beim Blick aus vielen Perspektiven. Ihr Blog und ihre Plattform springen ganz unbefangen über alle Genre-Grenzen – sie beschränken sich nicht auf Literatur, auf Theater, auf Musik, auf Malerei oder auf Wissenschaft – sie suchen überall die Grenzverletzer, die Pioniere, die vormals unkatiertes Terrain erkunden.