Kontrapunkt | 16.12.2012

Kontrapunkt 16.12.2012

Jacqueline Roussety mit Mathias Deiß und Jo Goll (rechts)

Jacqueline Roussety ich widmet sich in dieser Sendung einem Thema, das mehr als unsere Aufmerksamkeit verdient. Nicht nur unsere Aufmerksamkeit sondern das auch zu einem Umdenken führen sollte - zu einem Nachdenken und einem Mehr an Miteinander herausfordert und beides einfordert.

»Ehrenmord« ein Verbrechen im Zeichen der sogenannten Familienehre, eine Form von Gewalt gegen Frauen und Mädchen, die innerhalb stark patriarchalisch strukturierten Familien und Gesellschaften vorkommt. Die Gewalt wird mit der Wiederherstellung von Ehre gerechtfertigt und von männlichen Verwandten ausgeübt. Die Ehre einer ganzen Sippe hat mehr Wert als ein Menschenleben.

Meine heutigen Gäste haben sich über mehrere Jahre mit diesem Thema auseinandergesetzt. Mathias Deiß, ARD Korrespondent aus Berlin, und Jo Goll, Redakteur und Reporter für die ARD und den RBB haben nach ihrem Dokumentarfilm "Verlorene Ehre - Der Irrweg der Familie Sürücü" ihr Buch Ehrenmord. Ein deutsches Schicksal geschrieben, erschienen im Verlag Hoffmann und Campe.

Es ist die Geschichte von Hatun Sürücü aus Berlin. Hatun war etwas gelungen, wovon viele junge Frauen aus muslimischen Familien nur träumen können: ein eigenes, selbstbestimmtes Leben zu führen. Aber diese westliche Art zu leben wurde von ihrer aus Ostanatolien stammenden Familie nicht toleriert. Hatun wurde mit 16 aus der Schule genommen, heiratete ein Jahr später einen Cousin in der Türkei, floh mit dem gemeinsamen Sohn nach Berlin zurück. Sie war ausgebrochen aus diesem Clan und hatte die Ehre der Familie beschädigt. Sie bricht wieder aus, wohnt alleine, macht eine Ausbildung, legt das Kopftuch ab und hat einen deutschen Freund. Hatun war in die deutsche Gesellschaft integriert und dennoch auf sich allein gestellt. Sie versuchte den Spagat, Kontakt zur Familie zu haben, aber auch an ihrem westlich orientierten Lebensmodell festzuhalten. Schließlich wurde sie von ihrem jüngsten Bruder Ayhan am 7. 2. 2005 auf offener Strasse praktisch hingerichtet: Er schoss ihr dreimal aus nächster Nähe in den Kopf.

Das Autorenteam Deiß / Goll hat über Monate hinweg recherchiert, Akten gesichtet, den Täter im Gefängnis befragt und Familienangehörige in der Türkei aufgesucht. Ein Bravourstück des investigativen Journalismus. Tausende Frauen können nach wie vor nicht aus diesen archaischen Strukturen ausbrechen. Für manche von ihnen endet das Leben viel zu früh mit einem gewaltsamen Tod. Und viele leben Tag für Tag in Angst und Schrecken hinter Türen und Fenstern, die keinen Blick ins Innere dulden.